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Zu zweit ist man weniger allein

Der 88-Jährige Wolfgang liebt auch die Natur. Die färbt sich in seinem Garten jedes Jahr im Herbst wunderbar golden. Foto: Sven Ellger
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Dresden – Am Nachmittag wird sich Wolfgang in sein Auto setzen und ans andere Ende der Stadt fahren. Im Programmkino Ost läuft ein Dokumentarfilm, den er unbedingt sehen möchte: „Wagner, Bayreuth und der Rest der Welt“. Es gibt Wochen, da kommt er mehrmals nach Striesen. Die verfilmten Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull beispielsweise haben ihn ein wenig enttäuscht. „Die Geschichte lebt doch schließlich von Thomas Manns Sprache, und die fehlt leider“, sagt der 88-Jährige, der lieber nur beim Vornamen genannt sein möchte.

Dann steht er aus seinem Sessel auf. Den hat er an die große Fensterfront des Wohnzimmers gerückt – dem Garten da draußen so nah wie möglich. Aus dem Bücherregal nimmt er Erich Kästners „Der Gang vor die Hunde“. Die Verfilmung auch dieses Romans hat er im Kino gesehen. „Das ist die Urfassung des Buches Fabian – die Geschichte eines Moralisten“, sagt er.

Als Kästner-Fan kann er viel über den Dresdner Autor erzählen. Seit seiner Jugend ist er von ihm begeistert. „Als Schüler haben wir uns in einem kleinen Kreis mit seinen Werken beschäftigt und sogar einige seiner Gedichtbände auf der Schreibmaschine abgeschrieben“, erzählt er. Doch inzwischen ist da niemand mehr, mit dem sich der Senior im Alltag austauschen kann.

Viel Sinn für Humor

„Haben Sie vor Jahren das Stück ‚Frau Müller muss weg!‘ im Kleinen Haus gesehen?“, fragt Wolfgang. Er kann sich gut daran erinnern, dass es abgespielt werden sollte, doch die Nachfrage war zu groß. Das Theater nahm es immer wieder auf den Spielplan. Auch diese Komödie gibt es als Film. „Den habe ich mir aber am Computer angesehen.“

Als ehemaliger Lehrer kann er sich gut in die Lage der Lehrerin aus der Geschichte hineindenken. Als er selbst noch an der 64. Oberschule in Laubegast unterrichtet hat, war sie noch „polytechnisch“, und kein Elternteil hätte es sich erlaubt, einen Lehrer dermaßen rundzumachen. „Da hat sich einiges geändert“, sagt Wolfgang. Der größte Unterschied zu damals sei, dass Mütter und Väter ihre Zöglinge heute für unfehlbar hielten. „Fürchterlich!“

Physik und Mathe haben ihn begleitet, seit sein Wunsch, Elektrotechnik zu studieren, unter einem riesigen Aktenberg verschütt gegangen war. „Ich hatte mich um einen Studienplatz beworben, musste zuvor aber ein einjähriges Praktikum absolvieren“, erzählt er. Als alle Mitbewerber schon längst Nachricht bekommen hatten, fragte er an der Uni nach und erfuhr: Man hatte ihn übersehen. „Weil die DDR aber plötzlich feststellte, dass sie zu wenig Studierte hat, bekam ich doch noch einen Platz angeboten: Physikstudium in Halle.“

Reisen durch die halbe Welt

Dass Wolfgang jetzt im Sessel sitzt und aus seinem Leben erzählt, verwundert ihn ein wenig. „Ich habe ja gar nichts Besonderes gemacht, nichts was man berichten müsste“, meint der Senior. Bei aller Bescheidenheit stimmt das nicht. Aber in einer Hinsicht hat er recht: Es ist nicht besonders, dass ältere Menschen zu fit für den Ohrensessel, voller Wissen und Interessen, aber alleinstehend sind und sich Begleitung wünschen.

Für Wolfgang war das 44 Jahre lang seine Frau Ingrid. In ihr fand er nach seiner ersten Ehe die Seelenverwandte, mit der er alles teilen konnte, was ein Leben an Anstrengung und an Schönheit mit sich bringt. „Wir haben wirklich gut zusammengepasst“, sagt er und schaut zu einem großformatigen Foto, das im Rahmen an der Wand hängt: seine Frau mit nackten Füßen im Ebbe-Sand während einer Reise durch Frankreich.

Gereist ist das Paar durch die halbe Welt. In der Schrankwand stehen 28 dicke Fotoalben voller Erinnerungen. Wolfgang hat ein Inhaltsverzeichnis dazu angefertigt. „Sonst findet man ja nichts wieder, wenn man etwas nachschlagen will.“ Auch auf CDs hat er Bilder gebrannt und mit Musik hinterlegt. Obwohl er so viele Orte in so vielen Ländern gesehen hat, sagt er: „Man soll sich nicht einbilden, dass man ein Land kennt, nur weil man mal dort war.“

Viele Landschaften und Metropolen haben ihm gefallen. Den schönsten Fleck Erde jedoch hat er sich selbst geschaffen, zusammen mit seiner Frau. „Als wir zusammenkamen – und das haben wir beide wirklich sehr gewollt – wohnten wir in einer Wohnung“, erzählt er. Der Wunsch nach einem eigenen Häuschen war ebenso groß wie aussichtslos. Wolfgang arbeitete inzwischen an der Pädagogischen Hochschule Dresden und bildete künftige Physiklehrer aus. Seine Frau, Ärztin von Beruf, gehörte in der DDR auch nicht gerade zu den Großverdienern.

Als sich jedoch im Südwesten der Stadt ein Gartengrundstück als Bauland anbot und die beiden es tatsächlich kaufen konnten, rückte der Traum in Richtung Realität. Die Sommermonate über wohnten sie im Holzhaus, das zwar wenig Bequemlichkeit, aber das gute Gefühl von Natur und Freiheit bot. Im Winter war die Wärme ihrer Wohnung von Vorteil. „Ein richtiges Haus zu bauen, hatten wir nicht im Sinn. Es fehlte ja an Geld und an Material sowieso.“ Erst nach der Wende entstand das Heim, aus dem Wolfgang und Ingrid einen „prima Treffpunkt für die ganze Familie“ machten.

Sein Sohn und ihre Tochter, eine solche Aufteilung habe es im gemeinsamen Leben nicht gegeben, sagt er. „Es waren unsere Kinder.“ Inzwischen gehören fünf Enkel und ein Urenkel dazu. Alle wohnen in Sachsen und sehen sich regelmäßig. Doch ohne Partnerin sind die Tage trotzdem sehr lang und oft einsam.

„So seltsam es ist: Das Leben geht weiter.“

Deshalb hat sich Wolfgang entschieden, nach einer Frau zu suchen, die seine Liebe zur Kultur und zur Natur teilt. Klettern und wandern wie früher, geht er heute nicht mehr, aber Konzerte, Kunstausstellungen und Kinovorführungen möchte er nicht missen und gern gemeinsam mit jemandem besuchen, der ebenso viel Freude daran hat.

Wolfgang nimmt ein Bild zur Hand. Es zeigt Ingrid auf der Baustelle des Hauses: „Am frühen Morgen meines 88. Geburtstages ist meine Frau gegangen.“ Das ist nun bald ein Jahr her. „Aber man kann nicht ewig in der Ecke sitzen und weinen“, sagt er, „So seltsam es ist: Das Leben geht weiter. Die Kinder gehen weiter morgens zur Schule und der Zeitungsbote kommt.“

Auch neue Filme kommen in die Kinos. Das Schaufenster am PK Ost hängt voller Filmplakate: Ankündigungen der aktuellen Produktionen. Etliche davon will Wolfgang bald sehen. Er hat noch viel vor – am liebsten in kluger, interessierter, warmherziger und fröhlicher Begleitung.

Nadja Laske

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