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Ist Ihnen auch schwindelig?

Blick auf die Füße im Herbstlaub mit Schwindelgefühl.
Angstfaktor Schwindel: Sobald der Alltag eingeschränkt ist, muss unbedingt ein Arzt aufgesucht werden. Foto: StockAdobe/Darren Baker
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Essen – Regelmäßige Benommenheit, Kopfschmerzen und Übelkeit können in Kombination auf eine Schwindelerkrankung hinweisen.

Wir sprachen zum Thema…

…mit Professor Doktor Dagny Holle-Lee. Sie ist Oberärztin an der Klinik für Neurologie und Leiterin des Westdeutschen Kopfschmerz- und Schwindelzentrums am Universitätsklinikum Essen.  

Professorin Holle-Lee im Profilbild.

Foto: Uniklinik Essen

Schwindelexperten raten dazu, ein Tagebuch über Schwindel-Attacken zu führen. Wie sinnvoll ist das?

Sehr sinnvoll, auch ich empfehle meinen Patienten immer das Führen eines Schwindeltagebuchs. Denn meistens erinnert man sich nur an die letzten Tage. Ein Experte erkennt in der Regel schon beim ersten Blick in das Tagebuch das Schwindelprofil der Patienten und kann so schneller einschätzen, unter welcher Erkrankung sie leiden könnten.

In meinem Schwindeltagebuch würde fast jeden Tag mindestens ein Eintrag stehen…

 Wieso das? Beschreiben Sie doch kurz Ihre Symptome.

Manchmal wird mir ganz plötzlich schwarz vor Augen – vor allem aber, wenn ich aufstehe oder die Beine angewinkelt hatte.

Das muss nicht unbedingt bedenklich sein. Häufig tritt so eine sogenannte Präsynkope oder Synkope bei jungen Frauen auf und ist dann einfach Zeichen eines niedrigen Blutdrucks. Das ist grundsätzlich nicht gefährlich, kann aber unangenehm sein.

Was hilft mir in dem Fall?

Bei niedrigem Blutdruck empfehle ich, ausreichend zu trinken, Sport zu machen, langsam aufzustehen oder bei schweren Symptomen Kompressionsstrümpfe zu tragen. Bedenklich wird es immer dann, wenn man wirklich das Bewusstsein verliert und es zu Stürzen kommt.

Und was wäre dann notwendig?

Bei Bewusstseinsverlust muss man auch immer an schwerwiegendere Erkrankungen wir zum Beispiel eine Epilepsie oder Herzrhythmusstörungen denken. Stürze treten generell bei vielen Erkrankungen auf und sind vor allem wegen der Verletzungen, die die Stürze verursachen können, bedenklich. Sprechen Sie am besten mit Ihrem Hausarzt und lassen Sie sich von einem Neurologen und Kardiologen durchchecken.

Es ist also gar nicht so einfach herauszufinden, woher der Schwindel kommt…

Das ist richtig. Schwindel ist leider eine ganz ungenaue Begrifflichkeit. Es können sich dahinter ganz unterschiedliche Symptome verstecken und man muss als Arzt immer ganz genau nachfragen, was der Betroffene wirklich damit meint. Es kann sich um einen Drehschwindel wie auf einem Karussell, einen Schwankschwindel wie auf einem Schiff, einen Benommenheitsschwindel, als hätte man ein Bier zu viel getrunken, aber auch um eine Gangstörung oder um eine Sehstörung handeln. Bemerken Sie erste Symptome, sollten Sie diese abklären lassen – insbesondere, wenn sie länger als ein paar Tage anhalten. Ohne genauere Anamnese und Untersuchung, gegebenenfalls auch einer MRT-Bildgebung des Gehirns, kann man nicht klären, um was für einen Schwindel es sich handelt und dann auch nicht die richtige Therapie einleiten. Prinzipiell gilt: Schwindelgefühle sollten immer ernst genommen werden.

Mit welchen Symptomen kommen Patienten denn in Ihre Klinik?

Wie Schwindel empfunden wird und welche Symptome auftreten, ist von Mensch zu Mensch sehr unterschiedlich Manchen Patienten wird sehr übel und sie müssen sich sogar übergeben, andere sind durch den Schwindel gar nicht so sehr beeinträchtigt. Je nachdem, was dem Schwindel zugrunde liegt, können auch Licht- und Lärmempfindlichkeit oder auch Ohrsymptome wie ein Tinnitus oder eine Hörminderung vorhanden sein.

Was passiert bei Schwindelgefühlen im Körper?

Das ist je nach Schwindelform unterschiedlich. Aber ganz allgemein: Für die Gleichgewichtsempfindung ist ein ganzes System verantwortlich. Alle Komponenten müssen zusammenspielen, damit eben kein Schwindel auftritt. Dazu gehören natürlich das Gehirn und die eigentlichen Gleichgewichtsorgane im Innenohr, aber auch die Augen und die kleinen Nerven in den Füßen, die Informationen im Gehirn bringen. Fällt jetzt eine Komponente aus oder funktioniert nicht richtig, entsteht Schwindel.

Welche Symptome stehen in den Tagebüchern Ihrer Patienten?

Bei den meisten meiner Patienten kommt es zu starken Schwindelsymptomen, die nach weniger als einer Minute bereits vorbei sind, wenn der Patient den Kopf ruhig hält. Meine Diagnose lautet dann: gutartiger Lagerungsschwindel – er ist der häufigste Schwindel in der Bevölkerung.

Wie entsteht er denn?

Dieser Schwindel kommt dadurch zustande, dass sich ein Ohrsteinchen aus einem anderen Teil des Innenohrs in einen der Bogengänge verirren kann und dort die normale Verarbeitung von Bewegung stört.

„Bewegung ist das Wichtigste“

Und welche Therapie ist wirksam?

 Durch Physiotherapie, sogenannte Lagerungsmanöver, lässt sich das Steinchen wieder nach draußen befördern, und dann hört die Symptomatik sofort wieder auf.

Das ist aber nicht immer der Fall, oder?

Das ist richtig. Eine Patientin hat in ihrem Schwindeltagebuch von immer wieder auftretenden Hörstörungen berichtet. Diese sind bereits viele Jahre vor ihren Schwindelattacken aufgetreten.

Welche Diagnose bekam sie?

Morbus Menière. Dabei handelt es sich um eine Innenohrerkrankung, bei der es zu Schwindel- und Hörstörungen kommt. Betahistin ist in der Therapie der Erkrankung wirksam. Das Arzneimittel wird langfristig eingenommen. Mit der Einnahme werden derzeit aber nur die Symptome verbessert, nicht die Ursache behoben. Die Patientin ist weiterhin bei mir in Behandlung.

Eine ziemliche psychische Belastung, oder?

Auf jeden Fall. Gerade bei solchen langfristigen Erkrankungen müssen wir aufpassen, dass es nicht zu einem funktionellen Schwindel kommt.

Was verstehen Sie darunter?

Hierbei handelt es sich um einen psychischen Schwindel, der meistens dann auftritt, wenn ein somatischer Schwindel wie zum Beispiel Morbus Menière, eine Schwindelmigräne, nicht gut behandelt wird. Dann fangen Patienten an, sich sehr genau selbst zu beobachten und sich sehr zu schonen. Daraus entsteht dann neuer Schwindel. Schlimmstenfalls verlassen Patienten das Haus gar nicht mehr aus Angst davor, was draußen passieren kann.

Wie lässt sich diese Schwindelform behandeln?

Die Behandlung besteht aus Gleichgewichtsübungen, der Behandlung der zugrunde liegenden somatischen Erkrankung und gegebenenfalls einer antidepressiven Therapie. Diese Schwindelform ist sehr häufig und betrifft in Schwindelzentren mehr als ein Drittel der Patienten.

Was steht im Tagebuch eines Patienten mit Migräne, der auch unter Drehschwindel-Attacken leidet?

Tagebucheintrag Nummer eins: Schwindel. Denn im Vordergrund dieser Erkrankung steht nicht der Kopfschmerz. Hinzu kommen Licht- und Lärmempfindlichkeit, Übelkeit und Erbrechen. Der Schwindel kann nur Sekunden, aber auch Stunden oder Tage anhalten.

Wie lässt sich die Schwindelmigräne therapieren?

Wichtig ist erst einmal, dass Patienten die richtige Diagnose erhalten. Oftmals wird die vestibuläre Migräne als ein psychischer Schwindel verkannt, Patienten werden sehr verunsichert und sind beunruhigt. Die vestibuläre Migräne ist sehr gut therapierbar durch bestimmte Medikamente, aber vor allem durch regelmäßigen Ausdauersport. Gleichgewichtstraining, einen regelmäßigen Lebensrhythmus und Entspannungsverfahren.

Was kann ich selbst tun, um Schwindel zu behandeln?

Bewegung ist hier das Wichtigste. Das gilt natürlich nicht während der akuten Schwindelattacke. Aber sobald es einem besser geht, sollte man sich so viel wie möglich bewegen, balancieren, vielleicht tanzen, wenn einem das Freude macht. Das Gleichgewichtssystem muss trainiert werden wie ein Muskel. Es lässt sich nämlich tatsächlich trainieren – in jedem Alter.

 Wie häufig ist dieses Training empfehlenswert?

 Am besten sollte jeden Tag ein bisschen trainiert und Bewegung an sich in den Alltag integriert werden.

Zwei junge Menschen halten das Gleichgewicht auf Stelen im Wasser.
Balance-Akt: Ein gut trainiertes Gleichgewichtssystem kann mit Ausfällen deutlich besser umgehen als ein antrainiertes, wie die Expertin. Foto: StockAdobe/ S Amelie Walter

Modern Technik, die den Ärzten hilft – hier finden Sie eine Auswahl

 Verschiedene Untersuchungsmethoden unterstützen dabei, gezielt nach den Ursachen für Schwindelerkrankungen zu suchen. Hier ein paar Beispiele für spezielle Untersuchungsmethoden in der Schwindel-Diagnostik. Folgende Untersuchungen können derzeit zum Beispiel in einer solchen Ambulanz durchgeführt werden:

Videonystagmographie

Die Videonystaggmographie (VNG) ist eine Untersuchungsmethode des Gleichgewichtsorgans im Ohr. Bei dieser Untersuchung werden die Augen, bzw. die Pupillen, mit einer Kamera erfasst, und Augenbewegungen werden grafisch in Form eines Nystagmogramms aufgezeichnet.

Videokopfimpulstest

Bei dem videobasierten Kopfimpulstest (vKIT) misst eine Kamera die Augenbewegungen, während der Kopf des Patienten rasch nach links und rechts gedreht wird. Der Patient versucht, nur einen Punkt zu fokussieren. Durch die Empfindsamkeit des Gleichgewichtsorgans können Fehlfunktionen des Organs durch rasche Kopfbewegungen schnell erfasst werden.

Vestibulär evozierte Myogene Potenziale

Hierbei werden angeborene Reflexe getestet. Hört man auf einem Ohr ein Geräusch, dreht sich der Kopf automatisch in die Richtung des Geräusches, um zu erkunden, woher es kommt und ob aus dieser Richtung Gefahr droht. Ist dieser Reflex gestört, ist eine Schwindelerkrankung als Ursache möglich.

Neurographie

Die Neurographie, ein elektrophysiologisches Verfahren, untersucht mithilfe von Stromreizen die Leitungsfähigkeit der Nerven. Vor allem die Beinnerven stehen hier im Fokus.

Duplexsonographie

Bei der Duplexsonographie werden Ultraschallbilder des Gewerbes mit der farbigen Darstellung des Blutflusses in den Gefäßen kombiniert. Zusätzlich misst die Fließgeschwindigkeit des Blutes.

Sveneja Ebert

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