Einfach mal reden

Die Gründerin des Silbernetzes Elke Schilling ruft zum Anrufen beim Silbernetz auf.
Gründerin vom Silbernetz Elke Schiling ruft bundesweit zum Mitmachen auf. Foto: Silbernetz
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Berlin – Einsamkeit hat viele Facetten. Gerade ältere Menschen wünschen sich oft mehr Kontakte, als ihnen der Alltag bietet. Nicht immer ist eine fehlende Familie der Grund für Einsamkeitsgefühle. Oftmals fehlt einfach nur die Zeit und die eingeschränkten Bewegungsmöglichkeiten seit Corona tragen auch ihren Teil dazu bei. Einen Moment der Einsamkeit zu spüren, bedeutet nicht immer, wirklich ganz allein zu sein, Freunde und Familie haben häufig keine Zeit. Daher richtet sich das von Elke Schilling initiierte Telefonangebot des Vereins Silbernetz e.V.   an alle Menschen ab 60 Jahren, die einfach mal anonym mit jemandem reden möchten.

Erdachtes Netzwerk aus Krimi wird zweimal real

 Als Elke Schilling, zu dem Zeitpunkt ehrenamtliche Seniorenvertreterin in Berlin, den Kriminalroman „Der Nachbar“ (Original „Acid Row“, 2001) der britischen Autorin Minette Walters liest, stirbt nebenan in Einsamkeit ihr Nachbar. Seine Familie besuchte ihn kaum. Ein wochenlang nicht entferntes Werbeprospekt am Türknauf macht sie aufmerksam. Sie ruft die Polizei. Da ist der Nachbar längst schon verstorben. Ein einsamer Tod in einem Mehrfamilienhaus – Schilling ist erschüttert von dieser Realität. 

Im Roman „Der Nachbar“ ist von einem Senioren-Netzwerk die Rede, das Schillings Interesse weckt. Kurzerhand kontaktiert sie die britische Autorin und erfährt von der nach der Veröffentlichung des Buchs entstandenen „Silverline Helpline“ in London. Die habe für das seit nun dreieinhalb Jahren bestehende Silbernetz mit vielen ehrenamtlichen Silbernetzfreunden und -freundinnen den Anstoß geliefert.

Was gibt’s im Kiez?

Im Jahr 2016 gründet Elke Schilling in Berlin den eingetragen Verein Silbernetz e.V.. Die Suche nach Fördermitteln beginnt. Von 2017 bis 2020 erhalten sie und ihre ehrenamtlichen Mitarbeiter zunächst Unterstützung von Lotto Berlin. So können drei Mitarbeiter finanziert werden. Die kostenlose Hotline gilt ab September 2018 zunächst nur für Berlin. Die Nachricht vom kostenlosen Draht zum „Silbertelefon“ verbreitet sich unter einsamen Senioren, die das Gesprächsangebot gerne annehmen und so auch über Möglichkeiten der Begegnung in der Umgebung erfahren. Ab März 2020 erschwert Corona den Austausch im Alltag. Das Thema Einsamkeit beschäftigt immer mehr Menschen, auch die Gesundheitsverwaltung der Hauptstadt. Sie übernimmt 2020 die Kosten für vier Arbeitsstellen des Vereins. Weitere Stellen werden vom Job-Center des Arbeitsamtes und Stiftungen sowie die stetig wachsenden Telefoniekosten aus Spenden finanziert.

Östliche Bundesländer nutzen Angebot noch zu wenig

Die Anrufstatistiken des Vereins zeigen, dass Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt bisher eine geringe Beteiligung verzeichnen. „In Dresden haben wir eine ehrenamtliche Silbernetz-Freundin, die anonym für deutschlandweite Gespräche zur Verfügung steht und zwei Silbernetz-Freundinnen, die jede Woche „ihren“ alten Menschen anrufen“, freut sich Elke Schilling. „Insgesamt können wir in Sachsen auf fünf ehrenamtliche Mitarbeiterinnen zurückgreifen“, sagt sie. Jede Unterstützung hilft. 

Interessierte, die sich aktiv als Telefonisten im Verein ehrenamtlich bewerben möchten, sollten aufgrund ihrer Berufsausbildung Gesprächserfahrung mitbringen. So können sich zum Beispiel ehemalige oder aktive Therapeuten, Altenpfleger oder auch Pflegerinnen bewerben. Wer als Silbernetz-Freund oder -Freundin gerne Kontakt zu älteren Menschen aufnehmen oder einfach im anonymen Gespräch Erfahrungen und alltägliche  Erlebnisse austauschen möchte, kann sich über die Webseite dafür bewerben.

Ältere Dame am Telefon mit Silbernetz am Ohr.
Das Silbertelefon steht einsamen Menschen für Gespräche zur Verfügung. Foto: Silbernetz

Ob Jung oder Alt – einfach mitmachen

 „Es kommen tatsächlich mehr Bewerbungen für die Silbernetz-Freundschaft über unsere Webseite, als wir bearbeiten können“, erzählt Elke Schilling freudig. Monatlich versucht das Silbernetz rund zwölf ehrenamtliche Silbernetzfreunde und -freundinnen zwischen 20 und 80 Jahren in einem Wochenendseminar (derzeit Online) auszubilden. Sie möchte weg vom Stigma der Einsamkeit und so mehr Menschen dazu bewegen, einfach mal zum Hörer zu greifen, wenn ihnen danach ist. „Es kann immer mal passieren, dass man mehrere Tage mit niemandem spricht, auch weil die eigene Familie mit sich selbst beschäftigt ist,“ beschreibt sie die Situation. 

„So bleibt der Kontakt warm und persönlich,“ beschreibt Schilling das Silbertelefon-Konzept. „Kein Telefonanbieter hat sich leider bisher als Sponsor des Vereins zur Verfügung gestellt“, bedauert sie. Dann wären die ständig wachsenden Anruferzahlen vor allem Bestätigung für die Notwendigkeit des Silbertelefons und weniger erheblicher Kostenfaktor im Budget des Vereins.

Keinen Gewinn aus der Gesundheit schlagen

 Laut Schilling hat die Privatisierung der Gesundheitspflege und des Gesundheitswesen dazu beigetragen, dass weniger Zeit für Belange im Miteinander mit Patienten und Senioren zur Verfügung steht. „Eine Gewinnerwirtschaftung ist im Rahmen der sozialen Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft im Eid des Hippokrates sicherlich nicht vorgesehen gewesen,“ beklagt sie diese Umstände und wünscht sich mehr Zugang von ehrenamtlichen Unterstützern in Senioren- und Pflegeheimen. Diese Häuser seien heute oft von großen Konzernen bewirtschaftet, wobei der einzelne Mensch nicht genügend Ansprache und Unterstützung bei der Kontaktanbahnung im Heim erhält. Hier will das Silbernetz als telefonische Alternative Unterstützung schaffen.

Fazit im dritten Corona-Jahr

„Auch unsere regelmäßigen Online-Erfahrungsaustausche mit den aktiv telefonierenden Ehrenamtlichen in Deutschland zeigen uns, dass unser einzigartiges Angebot wichtig in Deutschland ist,“ berichtet Schilling. „Im März 2020 blicken wir auf zwei Jahre Erfahrung mit unserer bundesweit freigeschalteten Hotline zurück,“ sagt die Vereinsgründerin. Die Dienstleistungen des Silbernetzes – Hotline, Freundschaft und Information – sind kostenlos, rein telefonisch und anonym, aber doch sehr persönlich.

„Bei den Silbernetz-Freundschaften werden wir in diesem Jahr das „Generationen-Tandem“ aufbauen“, erklärt Schilling, „dort wollen wir insbesondere Älteren in Seniorenheimen jüngere Silbernetz-Freund*innen vermitteln. Zuhause lebende Ältere möchten meist ältere Silbernetz-Freund*innen mit größerem Erfahrungspotential zum miteinander Reden.“ Das Silbernetz bietet dabei ein zweiseitiges Angebot: Hotline-Telefonisten die ihre Zeit zur Verfügung stellen, können so die Vielfalt ihrer älteren Anrufer erleben. Ältere Menschen, die sich mit anderen Altersgruppen austauschen möchten, finden mit der Silbernetzfreundschaft Abwechslung und Kontakt in gefühlt einsamem Lebensmomenten.

Anette Rietz

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Wie kann ich mich den Silbernetz-Freunden anschließen und das Team unterstützen?

Jeder kann seine Bewerbung über das Portal silbernetz.org einreichen. Die Bewerbungen werden geprüft. Bei Zusage findet ein Wochenendseminar zur Einarbeitung (derzeit online) statt. Die helfenden Gespräche werden im Schutz der gegenseitigen Anonymität geführt.

Einfach mal reden – So können Sie das Silbertelefon erreichen:

Unter der kostenlosen Hotline 0800 4 70 80 90 erreichen Sie die Mitarbeiter des Silbernetzes kostenfrei und täglich von 8-22 Uhr.

Wie kann ich das Silbernetz mit einer Spende unterstützen?

Einzelspenden oder regelmäßige Dauerspenden helfen dem Silbernetz, um alleinstehenden, älteren und vereinsamten Menschen gezielt und nachhaltig zu helfen.

Hier finden Sie den Link zum Spendenkonto.

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