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Leben im Pflegeheim: „Ich wollte immer in die Stadt“

Seniorin Rosemarie John lächelt zufrieden mit Kaffee in der Hand am Tisch im Seniorenheim.
Seniorin Rosemarie John im Seniorenheim "Am Gorbitzer Hang" Leutewitzer Ring 84. Foto: Sven Ellger
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Dresden – Die Mistmelden schossen nur so in die Höhe. Um das hartnäckige Unkraut vom Feld zu bekommen, war jede Hilfe gefragt. Schon die vierjährige Rosi lernte, wie man die Hände nach vorn streckt, damit die langen Stängel darauf abgelegt werden konnten. „Und dann habe ich das Unkraut weggebracht, damit die Kartoffeln in Ruhe weiterwachsen konnten“, erinnert sich die heute 81-jährige Rosemarie John.

Das Haus in Leppersdorf, in dem sie geboren wurde, aufgewachsen und alt geworden ist, stammt aus dem 18. Jahrhundert. Kurz vor dem Zweiten Weltkrieg 1938 übernahm Familie Weizmann das landwirtschaftliche Grundstück. Weizmann, so hieß auch Rosemarie John bis zu ihrer Hochzeit 1963.

Die kleine Rosi mit ihrer Großmutter vor dem Haus am Gorbitzer Hang.
Die kleine Rosi zusammen mit ihrer Großmutter vor ihrem Geburtshaus in Leppersdorf. Foto: privat

Als junges Mädchen war für sie immer klar, dass sie eines Tages raus in die große Stadt ziehen möchte. „Ich wollte tanzen gehen, was erleben. Das war mein sehnlichster Wunsch.“ Doch während mit den Jahren alle ihre Freundinnen wegzogen, blieb sie auf dem Hof. Am 4. August 1940 war sie als Nachzügler zur Welt gekommen. Ihre Mutter war damals schon 40. Ihren Vater sah sie nur wenige Male.

Aus Frankreich habe er ihr Schokolade mitgebracht, von der sie nicht genug bekommen konnte. „Bei seinem letzten Urlaub war ich vier. Vor dem Einschlafen haben wir noch Spaß gemacht. Früh war sein Bett leer.“ Er blieb im Krieg.

Große Hände vom Melken

Rosemaries 16 Jahre älterer Bruder hatte Tischler gelernt und sich freiwillig zur Marine gemeldet. Beim Feuer auf einem Schiff erlitt er schwere Verbrennungen, die sein ganzes Leben lang behandelt werden mussten. Er lebte nur bis zur seiner Hochzeit 1948 mit auf dem Hof in Leppersdorf. Damit blieb dort neben den Frauen zunächst nur Rosemaries jüngerer Bruder für die Arbeit übrig. Der hatte allerdings eher Bücher im Kopf – und „Flausen“, wie sie sagt.

Für mehr als zwei Familien hätte der Platz in dem Bauernhaus sowie nicht gereicht. Die halbe Fläche wurde für den Stall und das Getreidelager benötigt. Rosemarie und ihr Mann Manfred bekamen kurz vor ihrer Hochzeit eine der Wohnungen, nachdem die Großmutter gestorben war.

Bis in die 50er-Jahre hinein habe es immerhin noch Helfer aus der Stadt gegeben, erinnert sie sich, doch als dort die ersten Neubauwohnungen gebaut wurden und die Lebensmittelkarten wegfielen, kamen auch die nicht mehr.

Die kleine Rosi sitzt vor einer Holzbank draußen im Garten.
Frische Luft gab es reichlich für die kleine Rosi in Leppersdorf. Foto: privat

Irgendwie mussten die Felder jedoch bestellt und die Tiere versorgt werden. Schon im Alter von zehn Jahren habe sie regelmäßig beim Melken geholfen. Immer mit der Hand. Bei vier Kühen habe sich eine Melkmaschine nicht gelohnt. „Deswegen hatte ich immer so große Hände“, erinnert sich Rosemarie John. Die Kälbchen habe sich die Familie immer selbst großgezogen. Außerdem gab es Hühner, ein Schwein und einen Wachhund auf dem Bauernhof, die Aufmerksamkeit einforderten.

Von Beruf war die Mutter Schneiderin. „Bis in die Nacht hinein hat sie meine Kleidchen genäht und am Morgen wieder im Stall begonnen. Sie hat sich fertig gemacht und uns Kinder mit.“

Zum Spielen kam Rosemarie kaum. Eines der wenigen Spielzeuge, an das sie sich erinnert, war ein Holzschiff mit Strick. Das ließ sie auf der Kleinen Röder treiben und zog es vom Ufer aus mit einem Strick durch den Ort. Manchmal spielte die Familie auch „Mensch ärgere dich nicht“, Skat oder Rommé dagegen nie. Bis heute macht sie um jede Kartenspielrunde einen großen Bogen.

Rosemarie John mit Ihrem Mann auf dem Hochzeitsfoto 1963.
Ihren Mann Manfred heiratete Rosemarie John 1963. Foto: privat

Und was wurde aus ihren Plänen, in die Stadt zu ziehen? „Ich konnte meine Mutter nicht im Stich lassen“, sagt Rosemarie John heute. Wahrscheinlich wäre sie bis zu ihrem letzten Tag dort geblieben, wenn ihr Körper mitgemacht hätte. So aber gehört es zu den Ironien ihres Lebens, dass sie es nun mit über 80 Jahren doch noch in die Stadt geschafft hat. Ins Seniorenheim nach Dresden-Gorbitz.

„Ich habe auch mal einen Familienstammbaum angefangen, bin aber nicht fertig geworden“, sagt sie heute. „So soll es wohl auch sein im Leben, dass man nicht alles schafft.“

Ihre wichtigsten Lebensstationen hat sie aber noch im Kopf. Als Schülerin machte sie sich einst gut, auch wenn sie schüchtern war und in ihrem Zeugnis vermerkt wurde: „Muss zum lauten Lesen angehalten werden.“ Nach der Grundschule hätte sie auf die Oberschule wechseln können, wurde aber zu Hause gebraucht. Erst mit Mitte 30 setzte sich Rosemarie John später noch einmal auf die Schulbank und engagierte sich drei Jahrzehnte lang als Lehrerin für Stenografie und Schreibmaschine.

Das Geburtshaus von Rosemarie John auf einem Privatfoto.
In ihrem Geburtshaus in Leppersdorf verbrachte Rosemarie John die ersten 80 Jahre ihres Lebens. Foto: privat

Die Stenografie wurde zu einem der großen Themen ihres Lebens, nachdem in der 50er-Jahren dringend Schreibkräfte für die Büros gesucht worden waren. In der Radeberger Berufsschule wurde eine Steno-Klasse mit 30 Mädchen aufgemacht. Das hieß: Jede Woche sieben Stunden Stenografie und sieben Stunden Schreibmaschine. Der Eifer lohnte sich. „Mit 16 Jahren hielt ich meinen Facharbeiterbrief in den Händen. Das muss man sich mal vorstellen!“

45 Berufsjahre arbeitete Rosemarie John später als Sekretärin im Radeberger Krankenhaus. Nebenbei trat sie in einen Stenografie-Verein ein, nahm an vielen Wettbewerben teil und wurde sogar einmal Bezirksmeisterin.

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In den heimischen Bauernhof-Betrieb in Leppersdorf mischte sich unterdessen zunehmend der Staat ein. Es kam der Tag, an dem die Familie ihre Kühe an die LPG abgeben musste. „Das hat meiner Mutter fast das Herz gebrochen“, erinnert sich Rosemarie John. „Das waren gute junge Mutterkühe. In der Herde auf der Weide haben sie noch ein halbes Jahr gelebt, dann waren sie tot.“ Der Familie sei nur eine mickrige Entschädigung geblieben.

Irgendwann nahm ihre Mutter sie mal zur Seite und fragte, ob sie mit ihr in den Westen gehen wolle. Nein, antwortete Rosemarie John. „Hier ist mein Zuhause, und hier bleibe ich.“ Aller Entbehrungen zum Trotz hat sie diese Entscheidung bis heute nie bereut. Leppersdorf war ihr Leben – bis vor wenigen Monaten eine einschneidende Entscheidung getroffen werden musste.

Henry Berndt

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Ein Leben im Seniorenheim – Rosemarie John ist jetzt ein Teil dieses Mikrokosmos. In den kommenden Wochen wollen wir sie begleiten, ihre Ängste, Hoffnungen und Pläne kennenlernen, aber auch ihre Geschichte, die sie nach acht Jahrzehnten hierhergeführt hat, in das ASB-Seniorenheim „Am Gorbitzer Hang“.

Seien Sie neugierig auf die nächsten Geschichten, die wir fortlaufend an jedem Donnerstag veröffentlichen werden.

Teil 3: „Zu Hause wäre ich nur eine Last“ 

Teil 4: „Spagat wäre nicht zu stemmen“

Teil 5: „Der letzte Umzug ist ein großer Schritt“

Teil 6: „Genieße es, mal rauszukommen“

Sie haben Teil 1 der Geschichte verpasst?

Kein Problem, hier können Sie den Text nachlesen: „Rosemaries erster und letzter Umzug“.

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