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Zuwendung schenken ist mein Beruf

Junge Altenpflegerin beschäftigt sich fröhlich mit Seniorin, um das Smartphone zu erklären.
Ziemlich beste Freundinnen: Aileen Schüppel besucht Monika G. einmal in der Woche. Oft führt sie ein Spaziergang durch die Parkanlage am Zwickauer Schloss. Eine gute Gelegenheit auch für ein bisschen Medientraining am Smartphone. Foto: Thomas Kretschel © kairospress
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Sachsen – Monika G.* zieht sich ihre Mütze tief über die Ohren und hakt sich bei Aileen Schüppel ein. Es ist nasskalt an diesem Tag, doch das hält die beiden nicht von einem Spaziergang ab. In schnellen Schritten laufen sie den Hügel hinauf zum früheren Zwickauer Schloss, in dem heute ein Gymnasium untergebracht ist. „Durch den Park hier laufen wir gern und bei jedem Wetter. Stimmt’s Moni?“, sagt Schüppel. Die 74-jährige Moni strahlt und nickt. Sie leidet unter Demenz.

Vor dem schmuck sanierten Teehaus in der Grünanlage zückt Aileen Schüppel ihr Smartphone. „Moni, lass uns doch ein Selfie als Erinnerung machen.“ Beide lächeln in die Kamera. Der Umgang zwischen den Frauen ist vertraut und persönlich. Gemeinsam schauen sie sich noch alte Fotos auf dem Handy an. Schüppel nimmt sich Zeit, lässt die Seniorin selbst auf dem Bildschirm scrollen und tippen. Medientraining im Vorbeigehen sozusagen. Denn Aileen Schüppel ist ausgebildete Seniorenassistentin. Älteren Menschen helfen, Alltägliches selbst zu bewältigen, und ihnen Zuwendung zu schenken, ist ihr Beruf.

Selbstbestimmt leben

Die 39-Jährige begleitet Senioren zu Behörden oder zum Arzt, erledigt Einkäufe, geht mit ihnen ins Museum, liest ihnen die Zeitung vor, trainiert das Gedächtnis, sortiert Unterlagen oder hilft schon mal, die Memoiren aufzuschreiben. Hin und wieder nimmt sie sie auch einfach mal in den Arm und unterhält sich mit ihnen über Gott und die Welt. „Ich möchte den Menschen ermöglichen, ihr Leben selbstbestimmt weiterzuführen“, sagt Aileen Schüppel, die seit vier Jahren selbstständig tätig ist.

Aufmerksamkeit, anregende Gesellschaft, aktiv am Leben teilzunehmen, das vermissen viele Senioren am meisten – ob sie bereits Pflege oder medizinische Betreuung benötigen oder nicht. Die Idee der professionellen Seniorenassistenz ist es, genau diese Betreuungslücke zwischen körperlicher Pflege und Hauswirtschaft zu schließen. „Bereits die bloße Anwesenheit der Seniorenassistenten helfe in den meisten Fällen, die Einsamkeit zu vertreiben“, erklärt Ute Büchmann. Ihr Unternehmen hat seit 2007 unter dem Namen „Plöner Modell“ über 1.800 Frauen und Männer deutschlandweit in der Seniorenassistenz ausgebildet. Die meisten von ihnen sind Quereinsteiger mit viel Lebenserfahrung, die sich sozial engagieren und mit Menschen arbeiten möchten. Einige wollen sich ein zweites Standbein aufbauen. Die Grenzen zu den Aufgaben eines Alltagsbegleiters sind fließend.

Psychologie des Alters

Aileen Schüppel hat das Büchmann-Seminar vor fünf Jahren in Nürnberg absolviert. Damals war die Zwickauerin noch IT-Projektmanagerin in einem großen Unternehmen. Nach der Elternzeit wollte sie stundenweise in ihren Job zurückkehren, konnte sich mit ihrem Arbeitgeber aber nicht einigen. „Zu der Zeit war ich viel mit meinen Eltern und Großeltern zusammen, habe Einblick in ihren Alltag bekommen. Ich habe gespürt, wie sehr sie sich über Unterstützung und gemeinsame Zeit freuten und dass wir voneinander profitieren“, erzählt Schüppel. „Da habe ich mich gefragt, ob das nicht etwas ist, was ich beruflich machen könnte.“

Organisieren, konzeptionell arbeiten, mit Menschen kommunizieren – das alles brachte die junge Mutter aus ihrem früheren Job mit. Im Internet stieß sie auf die professionelle Seniorenassistenz. „Wenn ich ehrlich bin, hätte ich mir diese Arbeit nicht für mich vorstellen können. Mittlerweile kommt für mich gar nichts anderes mehr infrage“, sagt Schüppel. Das Schönste an ihrem Beruf sei die Dankbarkeit dafür, dass jemand vorbeischaut, der Zeit mitbringt. Derzeit betreut Aileen Schüppel 15 Senioren. Auch mit Pflegeeinrichtungen arbeitet sie zusammen. Zwischenzeitlich hatte sie eine Mitarbeiterin angestellt, um die Anfragen bewältigen zu können. „Ich höre nicht selten von Teilnehmern, dass diese Tätigkeit ihr Leben komplett verändert hat“, sagt Ute Büchmann.

Die Fortbildung zur Seniorenassistenz nach dem „Plöner Modell“ erfolgt an vier Wochenenden über insgesamt 120 Stunden und kostet etwa 2.000 Euro. In diesem Jahr wird das Seminar zum ersten Mal auch in Leipzig angeboten. Los geht es im Juli.

Die Teilnehmer lernen unter anderem, die Psychologie des Alters zu verstehen, die Kommunikation, den Umgang mit Konflikten und Trauer. Es geht um Fragen der Ernährung, um Fitnessübungen und Freizeitgestaltung. Auch rechtliche Dinge wie die Bedeutung von Vollmachten oder Beantragung eines Pflegegrades werden erklärt. Thema ist ebenso, sich als Seniorenassistenz selbstständig zu machen. Bisher haben rund 95 Prozent aller Teilnehmer nach Erhalt des Zertifikats diesen Schritt gewagt, hauptberuflich oder nebenberuflich.

Aileen Schüppel besucht Monika G. jeden Dienstag in ihrer Demenz-WG in Zwickau-Planitz – und das schon seit anderthalb Jahren. Dann gehen die beiden Frauen ein Eis essen, backen Plätzchen oder fahren mit der Straßenbahn ins Stadtzentrum zum Schaufensterbummel. Monika habe einen sehr starken Bewegungsdrang. Noch vor wenigen Jahren sei sie immer mit ihrem Enkel in der Schweiz wandern gegangen, erzählt Schüppel. Die Kinder wohnen Hunderte Kilometer entfernt. Weil sie sich eine Vertrauensperson für ihre Mutter in der Nähe wünschten, suchten sie den Kontakt zu Aileen Schüppel. „Mittlerweile bin ich zu einem Bindeglied zwischen Moni und ihren Kindern geworden.“

Nachfrage nimmt zu

In Sachsen ist die Seniorenassistenz noch nicht allzu weit verbreitet. Das könnte sich ändern. „Wir verzeichnen eine immer stärkere Nachfrage nach Begleitungen im Tagesablauf“, sagt Jens Hellriegel. Der 42-jährige Leipziger ließ sich vor drei Jahren zum Seniorenassistenten ausbilden. Im Mai 2020 machte er sich selbstständig. Innerhalb eines halben Jahres wuchs seine Kundenzahl von fünf auf 50. Mittlerweile hat Hellriegel 20 Mitarbeiter, darunter drei Pflegefachkräfte. Noch in diesem Jahr sollen Standorte in Thalheim im Erzgebirge, in Chemnitz und Halle hinzukommen.

Eine Seniorenassistenz ist nicht kostenlos. Den Preis können Anbieter selbst festlegen. Laut Bundesvereinigung der Senioren-Assistenten sollte der Stundenlohn nicht unter 25 Euro liegen. Viele orientieren sich an den üblichen Preisen etwa für Handwerker. Haben Senioren einen Pflegegrad, können sie die Kosten unter Umständen über die Pflegekasse abrechnen. Dafür steht der Entlastungsbetrag von 125 Euro pro Monat zur Verfügung. „Voraussetzung ist, dass die Dienstleister mit ihrem niedrigschwelligen Hilfe- und Betreuungsangebot vom Land Sachsen anerkannt sind“, sagt Hellriegel. Auch eine Abrechnung über die Verhinderungspflege sei möglich.

Aileen Schüppel verschweigt auch die Schwierigkeiten ihres Berufes nicht: „Mehrere von mir betreute Personen sind gestorben. Das ist für mich schon schwierig, denn ich habe ein sehr persönliches Verhältnis zu ihnen aufgebaut. In unseren Gesprächen erfahre ich immer viel über ihre Geschichte.“ Mit dem Thema Tod umzugehen, das habe sie in den vergangenen Jahren wieder neu lernen müssen.

*Aufgrund der Erkrankung möchte die Familie nicht den vollen Namen nennen.

Kornelia Noack

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Seniorenassistenten finden?

Mehr als 1.800 ausgebildete Seniorenassistenten sind deutschlandweit tätig. Das Online-Vermittlungsportal von Büchmann-Seminare  bietet die Möglichkeit, Anbieter nach der Region zu suchen. Auch auf der Webseite der Bundesvereinigung der Senioren-Assistenten gibt es einen Überblick.

Eine Fortbildung zum Seniorenassistenten nach dem „Plöner Modell“ findet in diesem Jahr erstmals in Leipzig statt. Es handelt sich um vier Wochenend-Seminare zwischen Juli und November. Kosten: etwa 2.000 Euro. Mehr Infos zu Seniorenassistenz allgemein finden Sie hier  und zum Büchmann-Seminar auch in Leipzig – hier

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