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„Diesen Beruf muss man leben“

Zwei Schausteller auf dem Rummel am Ostragehege vor dem Flipper.
Ingolf Splitt (60) und Florian (31) mit ihrem Fahrgeschäft Flipper auf dem Rummel am Ostragehege. Foto: Eric Münch
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Dresden – Vor der Scheibe hängen vier Sonnenbrillen. Aus dem Schub blitzen phosphorgrüne Plastik-Chips. Wenn nachts das Schwarzlicht lila auf den Tisch strahlt, leuchten sie. Dann sitzen hier im engen Kassenhäuschen Vater Ingolf Splitt und Sohn Florian Rücken an Rücken und rocken den Flipper – ein Fahrgeschäft. Das gehört zu einer Dresdner Schaustellerfamilie mit langer Geschichte und vielen Lebenslinien.

Ein Blick zurück

Für seinen Traum ist Ingolf Splitt ein Leben lang unterwegs. Oder war es der Traum seiner Familie? Schließlich wird das Fahrgeschäft bereits in der 5. Generation betrieben, gaben die Älteren ihre Ideale stets den Kindern weiter. Wirft man einen Blick zurück, wird das ganz schnell deutlich.

Ingolf Splitt erinnert sich: Als Uropa Hermann Ende der 20er ein Karussell für Kinder baute und es am Hubertusplatz in einer Gartensparte aufbaute, fuhr das Glück im Kreis. Das muss den ehemaligen Kolonialwarenhändler so vergnügt haben, dass er ein weiteres Kinderkarussell konstruierte. Er bestückte es mit kleinen Eisenbahnwaggons und zog von Stadtteil zu Stadtteil. Die Mechanik schien den Urgroßvater zu faszinieren – später kamen verschiedene Karussells Marke Eigenbau Schnelle (so der Familienname des Urgroßvaters) hinzu, auch ein Kettenflieger, die Motorbootbahn und die Zeppelin Luftschaukel, fünf Gondeln, in denen die Menschen vergnüglich in den Himmel schaukelten. Der Urgroßvater hatte halt ein Händchen fürs Amüsement.

„Ein kleines Karussell aus dieser Zeit gibt’s heute noch“, verrät Ingolf Splitt. Der 60-jährige Schausteller holte das eingemottete Teil aus der Versenkung, frischte es auf und ist nun jedes Jahr damit auf dem Meißner Weihnachtsmarkt zu erleben. Der findet alljährlich mitten auf dem Meißner Marktplatz unter dem Motto Meissner Weihnahnacht tatt. Mit dabei: Das Kleinod der Schausteller-Geschichte der Familie Schnelle-Splitt – ein schönes, historisches Karussell.

Die Geschichte in Bildern

Wenn sich Generationen unterstützen

Als Ingolf 1962 geboren wurde, kaufte sein Vater die „Walzerfahrt“. Nicht schlecht. Eigentlich. Doch weil auch Karussells hip sein müssen, wurde es irgendwann zum „Südseetraum“ umgebaut. Ein Fahrgeschäft, das wirklich jeder Dresdner kannte. Denn es war der „Break Dance des Ostens“. 

Die Gondeln drehten sich zur Westmusik um die Wette. Teenager standen in Röhrenjeans und mit Kaltwellfrisuren am Rand und wippten zur heißen Mucke. Das war was. Ein Traum. Der „Südseetraum“ eben. Präsentiert von Familie Splitt, den Eltern Irmgard und Dieter und der Oma Else Schnelle in den 80ern. „Oma saß meistens an der Kasse unseres Kinderkarussells und kochte abends für die ganze Mannschaft – bis sie 90 wurde“, erinnert sich ihr Enkel Ingolf. Ein wenig nachdenklich, aber mit großer Bewunderung in der Stimme schiebt der heute 60-Jährige nach: „Sie ist bis zu ihrem 94. noch mit uns mitgefahren. Eine echte Schaustellerfrau!“ 

Büffeln fürs kommende Leben

Während die Eltern dafür sorgten, dass das Fahrgeschäft lief, büffelte Sohn Ingolf in der Schule. Besser gesagt: In den Schulen. Denn im Wohnwagen ging’s von Ort zu Ort. Im Gepäck: ein Reisebuch. Dort wurden nicht etwa Geschichten hineingeschrieben, sondern Zensuren und der Stand des Lehrstoffs. Schließlich besuchte Ingolf Splitt in den warmen Monaten die unterschiedlichsten Bildungseinrichtungen. Praktisch: Der Lehrplan galt in der DDR für alle 15 Bezirke, vom Norden bis zum Süden.

Oktober bis März blieb die Familie zu Hause – in Dresden, Pieschen. „Hier ging ich in die 28. Polytechnische Oberschule ‚Otto Buchwitz‘ erinnert er sich. 

Eine Kindheit zwischen Wohnwagen und Fahrgeschäften, mit guten Kumpels – auch in fremden Orten, eine Jugend – nicht in der Südsee, aber am „Südseetraum“, das war Ingolf Splitts Leben. Es passte. Er ließ sich zum Kfz-Mechaniker ausbilden, stieg in den Betrieb seiner Eltern ein und wurde auch ein Schausteller.  

Der Sohn wird’s in Zukunft machen

 Den „echten Break Dance“ kennen die Splitts heute sehr gut. Er steht direkt hinter ihrem „Flipper“. Kenner können den Unterschied genauestens beschreiben. Doch Stammgäste des „Flippers“, quasi die Enkel der „Südseetraum“-Gäste, schätzen den „Flipper“. Denn das Fahrgeschäft, was wie der berühmteste Delphin der Welt heißt – „Flipper“ – punktet mit viel Bewegung. 

Wer einen phosphorgrünen Chip gekauft hat, nimmt in einer der zwölf Gondeln Platz. Darin fahren vier Personen auf einer großen Radscheibe, die sich 14 Meter in die Höhe dreht und dann beachtlich neigt. Die Fahrt wird umso vergnüglicher, wenn Flammenwerfer bis sechs Meter hoch leuchten, umrahmt von farbenfroher LED-Technik, untermalt mit guter Musik und jeder Menge Live-Unterhaltung durch Vater und Sohn. 

Splitt’s Fahrgeschäft wird also noch lange existieren. Schließlich besuchte Sohn Florian nicht umsonst bundesweit 32 Schulen und legte einen Abschluss als Mechatroniker hin. „Das hier ist einzigartig“, sagt der 32-Jährige im Brustton der Überzeugung. „Diesen Beruf muss man leben.“ Vater Ingolf nickt und lächelt gelassen. Ihn muss niemand mehr überzeugen. 

Katrin Fiedler

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Frühlingsfest, Vogelwiese, Herbstfest, es gibt viele Namen für das Vergnügen auf Dresdens Volksfestgelände. Alteingesessene nennen den Platz für Fahrgeschäfte, Budenzauber und bunte Unterhaltung seit Generationen ganz einfach Rummel.

Meistens tummeln sich hier Teenager. Doch auch für Großeltern und ihre Enkel hält der Rummel viele Überraschungen bereit.

  • Das Frühlingsfest 2022 lädt noch bis 8. Mai, Mo.-Fr. ab 15 Uhr sowie Sa. & So. ab 14 Uhr ein.
  • Ort: Dresden, Festplatz Pieschener Allee (nahe Kongresszentrum)
  • Mittwoch ist Familientag mit reduzierten Preisen an allen Geschäften
  • Donnerstags ab 19 Uhr „Doppeldecker“ – 1x zahlen = 2x Fahren für Alle!
  • Ausführliche Infos finden Sie auf der Internetseite
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