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Die Zukunft fährt Rollator

Er bietet Sicherheit, einen Sitzplatz für Päuschen und eine Einkaufstasche, dennoch scheuen sich viele Menschen, einen Rollator zu nehmen.
Er bietet Sicherheit, einen Sitzplatz für Päuschen und eine Einkaufstasche, dennoch scheuen sich viele Menschen, einen Rollator zu nehmen. Foto: StockAdobe/k_katelyn

Diettelsdorf/Sachsen – Ich bin bereits mehrfache Urgroßmutter. Aber keine, die im Lehnstuhl sitzen will. Noch stehen täglich mindestens 10 000 Schritte draußen auf dem Plan. Das sind bei kurzen Beinen rund sieben Kilometer. Bei jedem Wetter und zu jeder Jahreszeit. Verteilt auf drei Hunderunden. Oft kombiniert mit Einkäufen und Ausflügen. Aber klar ist schon: das bleibt nicht ewig so!  Man muss dem Alter auch als Frau mannhaft ins Auge blicken. Vom Esstisch aus habe ich dem Altern zweier Nachbarinnen mit dem Blick aus dem Stubenfenster lange und bedauernd zugesehen. Damit aber auch in die eigene Zukunft geblickt. Und diese Zukunft –  die fährt halt Rollator.  

Elisabeth & Ruth

Nehmen wir nur mal die früher oft knurrige Elisabeth. Sie zupfte zunehmend mühsamer und sich zuletzt am Stock stützend ihr Unkraut, mähte mit krummen Rücken ächzend noch ihren Rasen. Danach ging es trotz der Hilfe der Tochter und einem eingebauten altersgerechten Bad irgendwann nicht mehr im eigenen Haus. Sie ging dann erst tageweise in den „Altenkindergarten“ und musste später doch mit ins Pflegeheim.

Und Ruth? Genau mir gegenüber hat sie gewohnt. In einem alten Umgebindehäusle. Auch sie rappelte sich – sogar noch nach Hüft- und Knie OP – immer wieder auf.  Erst lief sie an Krücken vorbei bis zum Dorfladen. Nach den Rehas besuchte sie täglich ihren längst verstorbenen Hubert auf den Friedhof. Irgendwann musste sie jedoch unten in der Stube schlafen. Weil die Treppen nicht mehr gingen. Dann sah ich Ruth nur noch hinter dem Rollator an meinem Stubenfenster entlanglaufen. Es folgten das Essen auf Rädern und dann die Autos des Pflegedienstes.  Die Tochter holte die Wäsche, fuhr zum Arzt und kaufte ein. Irgendwann kam der ärztliche Notdienst. Ruth war gestürzt. Dann blieb ihr nur noch das Pflegeheim mit Rundumversorgung.

Wir haben einen Plan

All diesen Dingen zuzuschauen, das ist wie so eine Art Doku – halt nur ohne Schauspieler, sondern mit richtigen Menschen. Die – ungeachtet tapferer Gegenwehr – eben alt, älter und schließlich hilfsbedürftig werden. Deshalb wollen meine 77-jährige Frau Nachbarin rechter Hand und ich auch nicht noch ewig in unseren alten Häusern hocken bleiben und warten, bis der Pflegedienst dreimal täglich kommt. Oder wir unser Essen nicht mehr selbst zaubern können, sondern dass es schon 10 Uhr vormittags lauwarm in Boxen abgeliefert wird. Wir haben uns also den unvermeidlichen Zukunftsaussichten gestellt. Waren sogar schon drauf und dran, unsere Häuslein zu verkaufen und in nette städtische, altersgerechte Wohnungen zu ziehen. Dort wollten wir uns nicht direkt auf der Pelle sitzen oder unbedingt Tür an Tür wohnen, aber uns weiterhin nahe genug sein, um sich besuchen oder helfen zu können. Soweit der frühere Plan. Doch dann kam der Ukraine-Krieg. Mit ihm unter anderem die bisher immer noch nicht gebremste Inflation, die Energiepanik und die Energiepreisexplosionen. Natürlich haben wir zwei Omis uns von den täglichen Schlagzeilen und Blackout-Warnungen total wuschig machen lassen. Haben den schon kurz vor dem Notartermin stehenden Hausverkauf also wieder abgeblasen. In Kriegszeiten, da fühlt sich das eigene Dach über dem Kopf plötzlich als ein sicherer Hafen an.

Die Zukunft heißt trotzdem Rollator. Im besten Fall. Im schlimmsten Fall grätsche ich bei Glatteis im dunklen Dorf oder im eigenen Bad auch mal aus, komme dann nicht mehr auf die Beine und ins Pflegeheim. „An so was darfst du doch nicht denken Omi“, sagen meine Enkel.  Aber wir denken daran. Unsere derzeitige Option ist betreutes Wohnen bzw. Oldi-Wohngemeinschaften oder was Alternatives mit Tieren.  Da horchen, googlen oder gucken wir mal herum. Und planen dann Besichtigungen als Ausflüge.

 Angelika Hoyer

Eine kurze Bilderreise durch den Wohnort der Autorin. Fotos: Angelika Hoyer

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Als Journalistin hat sie in den Redaktionen Zittau und Löbau der Sächsischen Zeitung gearbeitet.

Die 72-Jährige wohnt im Dreiländereck. In einem kleinen Ortsteil von Zittau teilt sie ihren Alltag mit Cockerspaniel Filip (6) und der neunjährigen Dame Darya. Ihre mit Wortwitz und Nachdenkenswertem gespickten Themen veröffentlicht Angelika Hoyer auf ihrem eigenen Blog.

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