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An der Seite seiner Frau Ursula hat Peter Schreiber sehr viel erlebt. Das schweißt zusammen, wie man sieht. Foto: Amac Garbe

Heimkehr in ein anderes Land

Dresden – Auf der Zielgeraden eines langen Lebens schweift der Blick gern zurück. Gedächtnis und Gemüt suchen dann nach Erfüllung; dem berühmten „Sinn“ des Lebens. Doch was macht den aus? Prägende Erlebnisse natürlich. Auch eine würdige Arbeit, die der Gesellschaft nutzt. Dazu vielleicht noch ein Kreis, der sich zum Ende hin schließt ..? Beim Dresdner Peter Schreiber (94) kommt all dies zusammen. Nach Jahrzehnten in der Fremde ist mit ihm ein Mann an den Ort seiner Kindheit zurückgekehrt, dem Zehntausende weltweit ihr Leben verdanken – meist ohne es zu ahnen! Schreibers Biografie ist so prall, dass sie nicht zwischen zwei Buchdeckel passt. Vier, sprich: zwei Bände, sind deshalb vorgesehen.

Band eins der Biografie bereits erhältlich

Und der befasst sich mit Schreibers Jugend – kein sonderlich heiteres Kapitel. Zwar wuchs der Knabe in Dresden und im nahen (längst eingemeindeten) Gönnsdorf recht unbeschwert auf, musste dann als 15-Jähriger aber die Bombardierung seiner Heimat miterleben. Kurz vor Kriegsende wurde er zusammen mit anderen Jungs noch in die Gruppe „Werwölfe“ gedrängt, die – so der Plan – dem Feind hinter den Linien zusetzen sollte. Dazu kam es nicht. Trotzdem wurde der seiner Kindheit kaum entwachsene Peter Schreiber fünf Jahre lang von den Sowjets in Straflagern festgehalten, auch in Buchenwald. Alles ohne Prozess oder Urteil. Ein Start ins Leben, der andere vielleicht verbittert hätte. Doch der junge Mann wollte danach nur noch leben – und etwas aus sich machen.

20 Patente für Narkosetechnik

Einer Werkzeugmacherlehre und einem kurzen Studium in Dresden folgte der Umzug in die BRD 1953, wo er das Studium als Ingenieur abschloss.

Schließlich die Anstellung bei einem großen Narkose- und Beatmungsgerätehersteller in Lübeck.

Zehn Jahre lang, bis 1966, arbeitete Peter Schreiber dort. Am Ende hatte er die Narkosetechnik durch neue Ideen (20 Patente!) so verbessert, dass die Zahl derer, die aus einer Vollnarkose nicht mehr aufwachten, drastisch zurückging. Schreiber wanderte in die Vereinigten Staaten aus, gründete dort eine eigene Firma, die binnen weniger Jahre Weltmarktführer wurde. Er hielt aber auch unermüdlich wissenschaftliche Vorträge an Universitäten und auf Kongressen. Alles im Dienste der Patientensicherheit. Und mit großem Erfolg: Waren es in den 1960er-Jahren noch 640 von einer Million Patienten, die eine Vollnarkose nicht überlebten, waren es Ende der 1980er-Jahre nur noch vier. Hochgerechnet auf all die Länder, in denen Peter Schreibers verbesserte Narkosetechnik Anwendung fand, kann man getrost von Zehn- oder gar Hunderttausenden Menschen sprechen, die durch seine Beharrlichkeit überleben durften.

Publikationen und Unterlagen aus Peter Schreibers Büro. Foto: Amac Garbe

Erfindungen & Patientensicherheit

„Ich bin kein eitler Mann“, sagt Peter Schreiber heute dazu. „Aber trotzdem glaube ich, dass ich schon ein bisschen stolz sein kann auf das, was ich geleistet habe.“ Dabei habe er sich nicht unbedingt zuvorderst als Ingenieur gesehen: „Da gibt es sehr viel Bessere. Ich habe immer versucht, die Dinge als Wissenschaftler zu sehen, die Probleme in einer Kombination aus wissenschaftlicher Analyse, Anwendung von mathematischen und physikalischen Gesetzen und technischer Innovation anzugehen und sie grundsätzlich neu zu denken.“ Auch seien es nicht nur seine Erfindungen gewesen, sondern genauso seine Bemühungen um die Patientensicherheit und der Kampf um die internationale Standardisierung der Anästhesietechnik, die die entscheidenden Verbesserungen brachten.

Außerhalb Deutschlands ist Peter Schreiber übrigens deutlich bekannter als hierzulande. In Amerika, England oder Japan, weiß Schreiber, kennen viele Mediziner seinen Namen und wüssten um seine Verdienste auf dem Gebiet der Anästhesietechnik. „Die kommen dann und bedanken sich herzlich“, sagt er. Wer sich bei ihm dagegen eher selten bedankt hätte, seien die amerikanischen Anwälte gewesen. Schreiber belustigt: „Die konnten wegen meiner Erfindungen viel weniger Prozesse um ärztliche Kunstfehler während der Narkosen führen.“

Home, sweet home

1996 kehrte Peter Schreiber mit seiner Ehefrau Ursula nach Deutschland, zurück. Ab 2017 bezog er dann auch in Dresden wieder eine eigene Wohnung. So wie schon in den allerersten Jahren seines Lebens wohnt er wieder in der Ostra-Allee, blickt vom Balkon auf die Stadt. Damals noch durch das Geländer hindurch, heute darüber hinweg. „Ich kann das nicht in Worte fassen“, sagt Peter Schreiber über dieses Gefühl, „dass sich hier doch irgendwie ein Kreis schließt nach bald einem Jahrhundert. Dass ich so lange leben durfte.“ Natürlich habe sich an der Ostra-Allee wie auch in Dresden überhaupt sehr vieles verändert. Schreiber: „Aber die Erinnerungen sind noch da. Das ist ein ‚Nach-Hause-Kommen‘.“ Eine Art Erfüllung, irgendwie.

Markus Griese

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Das Buch

Der erste Teil von Peter Schreibers Autobiografie trägt den Titel Was aus dem Dunklen leuchtet und behandelt die Jahre 1929 bis 1953 (gebunden, 28 Euro, Osburg Verlag). Schreibers präzise Erinnerungsgabe und die geschliffene Sprache von Co-Autor Gerd Püschel sorgen zusammen für eine besonders fesselnde Lektüre. Auch die Schilderungen z. B. der Bombardierung Dresdens sind so klar und plastisch, wie man sie in der Literatur selten findet.

Der zweite Band über Peter Schreibers Leben, dann vor allem über seine Erfindungen und seine Jahre in den USA, ist bereits in Arbeit.

Heute sind OPs mit Vollnarkose Routine – auch dank Schreiber, der vielen Menschen mit seinen Weiterentwicklungen die Angst vor solchen Eingriffen nahm. In diesem Buch wird seine Lebensgeschichte erzählt.

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