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Förderung gefährdet: Mehrgenerationenhäuser in Sachsen kämpfen

Eine Gruppe älterer Menschen sitzt an einer Tafel, isst und kommuniziert. In der Mitte stehen kleine Blumengestecke. Foto: MGH Bernsdorf
Gemeinsam essen, gemeinsam Erlebtes teilen: Das Seniorencafè im Mehrgenerationenhaus Bernsdorf bietet Raum für soziale Begegnungen. Foto: MGH Bernsdorf

Sachsen – Mehrgenerationenhäuser zu konzipieren, dahinter steckt eine immense Arbeit. Es müssen Idealisten sein, die diese Projekte umsetzen. Herzblut, Idee und Umsetzungswillen und nicht zuletzt der stetige Kampf ums Geld gehören zu den Aufgaben. Der Landesverband der sächsischen Mehrgenerationenhäuser (MGH) unterstützt diese Vorhaben, führt Generationen zusammen und vernetzt. 

In Sachsen gibt es laut Landesverband der sächsischen Mehrgenerationenhäuser (MGH) derzeit 37 Häuser dieser Art. Die Betreiber der MGH wurden unlängst von einer Pressemitteilung des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) beunruhigt. Darin war von „einer Kürzung der Förderung von Mehrgenerationenhäusern um 2.000 Euro pro Haus für das Jahr 2024“ die Rede, so der Landesverband. Und weiter: „Das Ministerium schrieb, dass die Kürzung schmerzhaft ist, aber macht jedoch das grundsätzliche Festhalten an der Förderung deutlich und sagt, dass das Bundesfamilienministerium zur Arbeit der Mehrgenerationenhäuser steht und diese unterstützt.“ Kein Wunder: Leisten doch die Mehrgenerationenhäuser einen erheblichen sozialen Beitrag. Vor allem steuern sie den negativen Auswirkungen der sich veränderten familiären Strukturen entgegen, indem sie Generationen zusammenführen, Alterseinsamkeit und vielen sozialen Einschränkungen entgegenwirken. So wird das soziale Miteinander gestärkt.

SZ-Lebensbegleiter sprach mit Maren Düsberg, Vorstandsmitglied des Landesverbandes sächsischer Mehrgenerationenhäuser:

Frau Düsberg, können Sie uns kurz beschreiben, warum es Mehrgenerationenhäuser geben sollte?

Bundesweit gibt es etwa 520 Mehrgenerationenhäuser. Ich nenne sie „moderne Dorfbrunnen“. Sie sind ein Ort der Begegnung, haben Platz für Kaffee-Runden und Gespräche, sind ein Hort für Hilfsgesuche, bieten Sport- und Bildungsangebote. Diese Häuser sind eine soziale Fundgrube für all jene, die Kontakt suchen. Vor allem nutzen ältere Menschen diese Angebote gezielt. Sie besuchen etwa Vortragsreihen, Englischkurse und vieles mehr.

Betagtere Senioren freuen sich eher über die Austauschangebote und suchen das Gespräch. Menschen, die weniger mobil sind, werden von uns abgeholt und zu den unseren Veranstaltungen gefahren. Wir organisieren auch Ausflüge. Damit leisten wir einen sehr wesentlichen Beitrag zur Teilhabe an der Gesellschaft, speziell für ältere Menschen und helfen beim Kampf gegen Alterseinsamkeit. Zudem bietet die ältere Generation einen immensen Erfahrungsschatz, und das ist sehr wertvoll.

Wie nutzen Sie den Erfahrungsschatz für die Mehrgenerationenhäuser?

Wir nutzen das Wissen und vermitteln es an die Generationen. Gemeinsam mit älteren, erfahrenen Menschen bieten wir etwa Nachhilfe für die verschiedensten Schulfächer, Reparier-Cafés wie zum Beispiel für Fahrräder oder Mopeds und fördern den Bereich Lokalgeschichte. Das sind zum Beispiel Workshops, in denen Wissen weitergegeben wird, woraus Kalender entstehen, Präsentationen und Bücher.

Die ältere Generation engagiert sich auch in anderen Kursen. So gibt es einen Kurs, wo das alte Handwerk des Klöppelns vermittelt wird. Ehrenamtliche Senioren unterstützen aber auch unsere hauseigenen Angebote wie das Betreiben einer Kleiderkammer, des Cafés oder Kursen.

Sie haben offiziell beim Bundesministerium der geplanten Kürzung von Fördermitteln widersprochen. Warum?

Weil es sich keineswegs um eine minimale Kürzung im Zuge der vom Finanzministerium verordneten Haushaltskonsolidierung handeln würde. Es wäre eine weitere Stufe der Nichtanerkennung von Realitäten in der so wichtigen Arbeit für gesellschaftlichen Zusammenhalt. 

Von welchen Realitäten sprechen Sie?

Ein Beispiel: Eine Teilzeitkoordinatorin begleitet etwa 500 Menschen pro Woche in einem MGH. Außerdem koordiniert sie ein Team von 25 Ehrenamtlichen und ist für die Verwaltung zuständig. Sie reagiert als ‚Feuerwehr‘ auf jede neue Krise und verliert dabei den einzelnen Menschen nicht aus dem Blick. Für diese Arbeit stehen, inklusive Miete und Sachkosten, 40.000 Euro zur Verfügung. Das ist der Sockelbetrag für die Betreibung eines MGH. 

Aber diese Sockelfinanzierung ist doch eine feste Grundlage, oder?

Das stimmt, aber dieser Betrag hat sich seit mehr als 15 Jahren nicht geändert – während die jeweiligen Bundesregierungen wichtige Projekte wie die Mindestlohnanhebung, die Aufnahme von Menschen mit Fluchtgeschichte oder den Kampf gegen Vereinsamung, sei es alters-, pandemie- oder einschränkungsbedingt, auf den Weg gebracht und die MGH gern als flächendeckende Struktur zur praktischen Umsetzung genutzt hat. Inflation und Energiekostensteigerungen seien hier nur am Rande erwähnt.

Welche Art „praktische Umsetzung“ meinen Sie?

Die Politik geht davon aus, das MGH immer sofort soziale Hilfe leisten. Beispielsweise Patenschaften für Geflüchtete, Fahrdienste für Senioren und Nachhilfe für Corona geplagte Schüler übernehmen. Das alles soll über die normale Arbeit hinaus umgesetzt werden. Wenn aber eine Krise die andere jagt, wird die Umsetzung, vor allem bei finanzieller Not, schwierig.

Von der noch immer im Raum stehenden Kürzung sind Sie nicht nur ge-, sondern vor allem auch sehr betroffen…

…ja, denn es ist nicht hinnehmbar und mit Sicherheit kein Zeichen einer Wertschätzung, wie vom Bundesministerium behauptet. Im Gegenteil fühlen sich insbesondere kleinere Träger von MGH (die Mehrzahl der sächsischen Häuser) bereits seit Längerem im Stich gelassen und fordern gemeinsam mit dem Bundesnetzwerk der MGH eine massive Anhebung der Sockelfinanzierung.

Welche Höhe der Unterstützung sollte das mindestens sein?

Zehn- bis fünfzehntausend Euro. Die spiegeln allein nur die Kostensteigerung seit 2006 wider.

Welche Auswirkungen hätte eine Kürzung auf diese gesellschaftlichen Themen?

Wenn das BMFSFJ im nachvollziehbaren Kürzungszwang daraufsetzt, diese bundesweite, tragfähige und verlässliche Struktur zu schwächen, ist das eine Bankrotterklärung in Bezug auf unsere Bemühungen, den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhalt zu stärken und die zahllosen Krisen an der Basis aufzufangen. Die MGH müssten Stellen kürzen, Mitarbeitende im Minijob oder Ehrenamt entlassen oder Angebote streichen. 5 Prozent Kürzung einer ohnehin wenig üppigen Kofinanzierung bedeutet 100 Prozent Desinteresse am Sozialen Miteinander.

Das Gespräch führte Katrin Fiedler.

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Der Landesverband sächsischer Mehrgenerationenhäuser…

  • …gründete sich 2011,
  • …schließt die aktiven MGH im Freistaat Sachsen zusammen,
  • …führt Generationen zusammen,
  • …bietet zahlreiche Lösungen für eine immer älter werden Gesellschaft an,
  • …sieht sich als solidarische Dienstleistungs- und Informationsdrehscheibe,
  • …fördert freiwilliges Engagement.

Interessierte können sich gerne beim Landesverband sächsischer Mehrgenerationenhäuser melden. Auf der Internetseite mgh-sachsen.de werden alle Orte aufgeführt, wo es Mehrgenerationenhäuser gibt, inklusive Kontaktdaten und Veranstaltungsprogramm.

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