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Einmal noch mit Ecken und Kanten

Die Arbeit an der Rede katapultiert den gebürtigen Rostocker in die Zeit des Umbruchs zurück. Für Heinz Eggert und viele andere vielleicht die prägendste im Leben. Foto: Norbert Neumann

Dresden/Oybin – Er muss, er darf noch mal ran: Heinz Eggert (77, CDU), Urgestein der sächsischen Politik, wird beim Festakt zum Tag der Deutschen Einheit die Rede halten. Noch einmal der Gang ans Landtags-Pult. Noch einmal die große Bühne! Alles musikalisch umrahmt. Der MDR überträgt live (3. Oktober, 10 Uhr). Seit Tagen schon feilt der Unruheständler im Dreiländereck an seinen Sätzen, streicht, bastelt an Botschaften, fügt Neues hinzu. Eher persönlich und „weniger staatstragend“ soll die Rede werden. So jedenfalls der Plan …

Wende stellte alles auf den Kopf

Über die letzten Tage katapultierte sich der einstige Pfarrer gedanklich in eine Zeit zurück, die für ihn prägend war – die Friedliche Revolution von 1989/90. „Ein Ereignis, das für mich und meine Familie viel bewirkt hat“, wie Eggert heute sagt. Klingt fast nach Untertreibung – tatsächlich stellte die Wende sein damaliges Leben komplett auf den Kopf. Aus dem von der Stasi bespitzelten Geistlichen, bei dem sich ständig Oppositionelle trafen, wurde ein Politiker, der mit seiner kantigen, offenen Art schnell ins Rampenlicht geriet. Alles Geschichte! Seit nunmehr 14 Jahren schon ist Heinz Eggert kein Landtagsabgeordneter mehr, die Zeit seiner anderen Posten und Ämter liegt noch weiter zurück. Und doch ist er irgendwie präsent geblieben – als Mahner und Ratgeber, der sich aber nach eigenem Bekunden hütet, sich allzu ungefragt zu Wort zu melden. „Um nicht als Besserwisser daherzukommen“, wie er sagt.

Vielleicht wusste das auch Landtagspräsident Matthias Rößler (68), ein alter Vertrauter und Parteifreund, der sich neulich extra ins ferne Oybin aufmachte, um Eggert als Festredner zu gewinnen. Beim Kaffee sagte der schließlich zu – was blieb ihm auch übrig?! Und schließlich: Wer hätte zu dem Thema schon mehr zu sagen als er?

Erinnerung an ein untergegangenes Land

In seinem momentanen Reden-Entwurf erinnert Eggert an die letzten Wochen der DDR. An den 40. Jahrestag der Republikgründung zum Beispiel, an dem er in seiner Oybiner Bergkirche lieber Erntedank feierte, „damit wir an diesem Tag auch etwas zu feiern haben“, wie er es damals in der Einladung formulierte – der nächste Eintrag in seiner Stasi-Akte war ihm sicher. Oder an die zurückgelassenen Kinderwägen von Republikflüchtlingen gleich hinter seinem Haus, weil die jungen Familien erst in die Tschechoslowakei, dann über Ungarn in den Westen abhauen wollten. Über Feigheit und Mut der Menschen will er sprechen. Über eine Gesellschaft, die damals schon gespalten war. Auch über die schwierigen Monate und Jahre nach der Wiedervereinigung, die Enttäuschungen über nicht gewürdigte Lebensleistungen, die bis heute nachwirken. 

Bitte keine Verharmlosung!

In diesem Zusammenhang wird Eggert auch ein Wort über jene verlieren, die dem heutigen System sehr kritisch gegenüberstehen – und die sich auf Anti-Asyl-, Impfgegner- oder sonstigen Demos gern mit dem Slogan „Wir sind das Volk“ brüsten oder rufen „Dafür bin ich 1989 nicht auf die Straße gegangen“. Sich also quasi in die Tradition der DDR-Oppositionellen stellen. Das sei „an dümmlicher Geschichtsvergessenheit nicht zu überbieten“, findet Eggert. Und: „Wer in einer Demokratie auf einer Demonstration selbst mit den krudesten Ideen von der Polizei beschützt wird, sollte sich nicht das Hemd eines Widerstandskämpfers anziehen.“

Auch wer knapp 34 Jahre nach dem Mauerfall das einstige SED-Regime verharmlost, darf nicht auf die Altersmilde des einstigen Seelsorgers zählen. Eggert: „Erstaunt lese ich immer wieder, wie menschlich und warm es in der DDR zugegangen ist. Natürlich gab es Liebe, Freundschaft, Nachbarschaft, Verständnis und Freude in der DDR. Aber doch nicht wegen der Diktatur, sondern trotz Diktatur.“ Wer davon spreche, dass es in der DDR wärmer zugegangen sei, „dem muss man in aller Deutlichkeit sagen, dass es in einem Stall, der nie aufgemacht wird, immer wärmer ist“, steht beispielsweise in Eggerts Reden-Manuskript.

Die Rede seines Lebens

Noch feilt der 77-Jährige an seinem vielleicht letzten großen Auftritt. Stellt um, spitzt zu oder entschärft. Einige Tage bleiben ihm noch bis zum 3. Oktober. Wenn er danach wieder heimfährt, auf der dann feiertags-leeren A 4 von Dresden Richtung Oybin, wird er vermutlich zufrieden sein mit dem Applaus, dem Schulterklopfen der alten Kollegen. Mit den letzten dreieinhalb Jahrzehnten sowieso. Die Einheit, die Freiheit – für Heinz Eggert haben sich die Mühen seines zweiten halben Lebens gelohnt. Und das allen auch ihm bekannten Schwierigkeiten zum Trotz.

Markus Griese

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Die Vita

Heinz Eggert wurde im Mai 1946 in Rostock geboren. Er machte eine Ausbildung bei der Reichsbahn, war später Stellwerksmeister und Fahrdienstleiter. Von 1969 bis 1974 studierte er evangelische Theologie, wurde dann Pfarrer in Oybin und Zittau. Zur Wendezeit engagierte Eggert sich erst beim neuen Forum, dann in der CDU. 1990 wurde er Landrat im Kreis Zittau, 1991 bis 1995 Sächsischer Innenminister. Auf Landes- und Bundesebene brachte er es zum Vize-Parteivorsitz. 2009 schied Heinz Eggert aus dem Landtag aus. Er engagiert sich ehrenamtlich als Sterbebegleiter in einem Hospiz. Eggert ist verheiratet und hat vier Kinder.

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