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Der Lockdown zwingt die Menschen zu Abstand. Eine 96-jährige Sächsin erklärt, wie sie mit einem Seniorentablet trotzdem Kontakt zur Familie hält.

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Auch im hohen Altern lohnt es sich, die Bedienung neuer Technik zu lernen. Foto: bowie15

Sachsen – Zu Weihnachten haben sich für Else Schuster aus Freiberg* neue Fenster in die Welt geöffnet. Sie sind quadratisch und beschriftet mit „Videoanruf“, „Web“, „Nachrichten“, „Fotoalbum“, „Spiele“ und „Unterhaltung“. Wollen ihre Angehörigen sich per Videochat mit ihr unterhalten, muss die 96-Jährige nicht einmal aufs Display ihres Tablet-PCs tippen, um den Anruf anzunehmen. „Zuerst wollte ich gar nichts davon wissen“, sagt die Rentnerin. „Aber langsam freunde ich mich mit dem Ding an. Wenn ich das Fotoalbum durchblättere oder wieder ein neues Bild ankommt und ich meine Enkel und Urenkel sehe, freue ich mich.“

Tablets für Hochbetagte

Der Corona-Lockdown zwingt ältere Menschen und deren Angehörige seit Monaten dazu, auf anderen Wegen Kontakt zu halten als von Angesicht zu Angesicht. Vor allem für jene, die weit voneinander entfernt leben, bleibt als Begegnungsort oft nur das Internet. Zahlreiche Softwareanbieter haben daraus ein Geschäftsmodell entwickelt. Sie verkaufen oder vermieten Tablets, die auch von Hochbetagten leicht bedient werden können. Zentraler Bestandteil ist meist ein sogenannter Launcher – eine eigens entwickelte, simpel strukturierte Oberfläche mit großen Schaltflächen und gut lesbarer Schrift. Das für viele Senioren zu komplex erscheinende Betriebssystem verschwindet dahinter. Notfalls kann eine Vertrauensperson per Fernwartung auf das Gerät zugreifen, um Probleme zu beheben. Ihm sei die Idee für solch ein Gerät vor sieben Jahren gekommen, sagt Marc Aurel Engels von der Berliner Firma Media4Care. „Ich habe damals meinen Großvater im Pflegeheim besucht und ihm auf meinem Tablet Familienfotos gezeigt.“ Trotz fortgeschrittener Demenz sei der alte Herr sehr interessiert gewesen und habe gelächelt, erzählt Engels. Mittlerweile benutzen seinen Angaben zufolge rund tausend Haushalte in Deutschland seine TouchscreenComputer. Außerdem hat Media4Care etwa 4.000 Pflegeeinrichtungen mit „Betreuertablets“ ausgestattet. Diese Geräte können von Ergotherapeuten und Pflegern genutzt werden, um die kognitive Fitness der Bewohner zu trainieren und soziale Kontakte zu stärken.

Einfach mieten

Dass die tabletgestützte Beschäftigung positiven Einfluss auf das Wohlbefinden von älteren Menschen hat, ist auch wissenschaftlich belegt. Auf Nachfrage verweist Engels auf eine Pilotstudie, die vor einigen Jahren im Auftrag der Stiftung für Qualität in der Pflege von Forschern der Berliner Charité durchgeführt wurde. Im betreuten Wohnen in Freiberg geht Else Schuster über ein W-Lan ins Netz, das ihr Sohn konfiguriert hat. Da schon ein Festnetzanschluss nebst Telefon vorhanden war, sei der drahtlose stationäre Zugang die günstigere Lösung gewesen, sagt er. Alternativ gibt es Modelle mit integrierter Sim-Karte, die überallhin mitgenommen werden können. Die Mietkosten für das robuste Media4Care-Tablet variieren je nach Vertragslaufzeit und beginnen mit Monatsraten von 29,90 Euro. Dafür muss man sich zwei Jahre lang binden.

Ein Unternehmen aus Sachsen verfolgt einen anderen Ansatz. Der in Glashütte ansässige IT-Fachmann Ralph Borowski vertreibt unter dem Namen Asina eine Software, die auf beliebigen Android-Tablets und Smartphones installiert werden kann. Asina sei offener konzipiert, weil Kunden nicht auf beliebte Anwendungen wie Skype, WhatsApp oder Telegram verzichten wollten, erklärt der 34-Jährige. Außerdem lassen sich mehr als sechs Kacheln auf dem Startbildschirm anordnen. Eine im Funktionsumfang abgespeckte Basisversion bietet Borowski kostenlos an. Für zwei Premium-Pakete, die zusätzlich telefonischen n Support beinhalten, verlangt er Gebühren. Nepos, die Plattform des Berliner Startup-Gründers Paul Lunow, ist dagegen grundsätzlich kostenlos. Hier ist nicht einmal eine Installation notwendig. Die Oberfläche könne auf nahezu jedem internetfähigen Gerät ausgeführt werden, sagt ein Unternehmenssprecher.

Die in München ansässige Firma Libify wiederum bietet Seniorentablets als Bestandteil ihres Notrufsystems an. Um mit dem sieben Zoll großen Mini-Tablet Nachrichten, Bilder und Videoanrufe empfangen zu können, müssen Interessenten das „Home“-Paket buchen. Darin enthalten ist eine Familien-App, die diese Funktionen bereitstellt. Anders als bei anderen Anbietern lassen sich die Monatsgebühren hierfür drücken. Weil das System als zertifiziertes Pflegehilfsmittel zugelassen ist, kann die Pflegekasse einen Teil der Kosten übernehmen. Voraussetzung dafür ist ein Pflegegrad des Antragstellers.

Unser Buchtipp
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Günter Born, „Android Tablets&Smartphones – Der Ratgeber für Einsteiger und Senioren“, O‘Reilly, 335 S., 19,90 €

Die Tücken der Bedienung

Dass sich Seniorentablets bislang nicht auf breiter Front durchgesetzt haben, liege vor allem an ihrem Image, sagt der IT-Fachmann und Buchautor Günter Born. Sein Fazit: „Viele Ältere, die sich noch fit fühlen, wollen lieber ein normales Tablet.“ Hochbetagte und in der Bedienung unerfahrene oder eingeschränkte Senioren könnten hingegen selbst von einer einfachen Oberfläche überfordert sein. „Da genügt es schon, dass etwas Unvorhergesehenes passiert, etwa ein Pop-up-Fenster aufploppt.“ Der 65-Jährige, der nach einem Genickbruch vor einigen Jahren zeitweise gelähmt war, hat diese Überforderung am eigenen Leib erlebt. „Für eine SMS mit einem Satz habe ich teilweise eine Stunde gebraucht.“ Vor allem die Autokorrektur habe ihm zu schaffen gemacht. De facto müssten manche Pflegebedürftige ständig jemanden zur Seite haben, der ihnen hilft, sagt Born. Angesichts der durch Corona verursachten Personalnot in Altenheimen ein Ding der Unmöglichkeit. Und es gibt noch andere Probleme, die zu bedenken sind. Weil bei älteren Menschen die Leitfähigkeit der Haut abnimmt, kann das Tippen und Wischen auf dem Touchscreen frustrierend schlecht funktionieren. Abhilfe schaffen Spezialstifte mit einem Gummipuffer. Auch Else Schuster benutzt so einen – und kommt nach Aussage ihrer Verwandten gut damit zurecht. Ihr Interesse gilt vor allem der Videotelefonie und den Selfies, die ihr die Enkel und Urenkel schicken. Bei aller Freude über die neuen Möglichkeiten: Ganz glücklich ist die Seniorin trotzdem nicht. Das jedoch ist einem anderen Umstand geschuldet. „Corona belastet mich sehr.“

* Name und Ort geändert

Andreas Rentsch

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Veröffentlicht am: 11 Mrz 2021