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Rosemarie John sitzt im Rollstuhl im Pflegeheim und lächelt.
Rosemarie John genießt nach ihrem Einzug ins Pflegeheim jede Abwechslung. Die Straßenbahnfahrt durch die Dresdner Innenstadt ist für sie ein Höhepunkt. Foto: Sven Ellger

Leben im Heim: „Genieße es, mal rauszukommen“

Dresden – Sie hat nicht besonders gut geschlafen. Vielleicht war es die Aufregung. Heute geht es für Rosemarie John auf zur Straßenbahnfahrt – aber nicht einfach zum Einkaufen. Die Leitung des ASB-Pflegeheims Am Gorbitzer Hang hat für diesen Tag eine ganze Straßenbahn gemietet. Geplant ist eine einstündige Stadtrundfahrt.

Jeder Bewohner, der möchte, soll die Möglichkeit bekommen, mitzufahren. Ein gewaltiger Aufwand für die Pflegekräfte, da viele der älteren Menschen nur noch wenig mobil sind. „Dennoch ist es uns ein Anliegen, dass jeder mitkommen kann“, sagt Leiterin Kathrin Meißner. Die positiven Rückmeldungen nach der Premiere im vergangenen Jahr seien überwältigend gewesen.

Der Start ist für 9 Uhr an der Haltestelle Amalie-Dietrich-Platz geplant – aber erst einmal müssen alle dort hinkommen. Der Himmel ist grau an diesem Tag, aber die Stimmung gut. Neben den Pflegekräften wurden für den Morgen weitere Helfer organisiert, die jeden Bewohner einzeln aus seinem Zimmer abholen. Bald bewegt sich eine lange Schlange aus Rollatoren und Rollstühlen langsam in Richtung Haltestelle.

Roemarie John sitzt mit Hygienemaske im Rollstuhl, um die Stadtbesichtigung zu genießen. Sie nutzt die Zeit für Ihr Smartphone.
Die Wartezeit an der Haltestelle vertreibt sich Rosemarie John mit ihrem Smartphone. Foto: Sven Ellger

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Nun müssen nur noch alle in die Bahn passen. Trotz eines ausgeklügelten Sitzplans ist das ein bisschen wie bei Tetris. Wer darf wann bei welcher Tür einsteigen? „Erst die Läufer“, ruft jemand. Doch die ersten „Sitzer“ werden unruhig.

Mit einem Schmunzeln unter ihrer Maske verfolgt Rosemarie John das Geschehen um sich herum. Heute sitzt auch sie mal im Rollstuhl. Zu Fuß wäre der Weg für die 81-Jährige zu weit gewesen. Seit einiger Zeit lebt sie im Gorbitzer Seniorenheim. Es ist erst das zweite Zuhause für die Frau, die mehr als acht Jahrzehnte lang ihrem Elternhaus in Leppersdorf bei Radeberg treu blieb, bis sie selbst einsah, dass sie die Herausforderungen des Alltags nicht mehr allein stemmen kann.

„Ich genieße es, mal rauszukommen“, sagt Rosemarie John nun, während sie an der Haltestelle wartet. Zwischendurch zückt sie ihr Smartphone und beantwortet noch schnell eine Nachricht ihrer Enkelin. Sie gehört zu den wenigen Bewohnern des Pflegeheims, die wie selbstverständlich die moderne Technik nutzen. Dadurch wird sie immer mit den neusten Fotos und Infos aus der Familie versorgt.

„Rosi, sei gegrüßt“, ruft plötzlich eine andere Frau und streichelt ihr liebevoll über den Rücken. Es ist die 87-jährige Ingeburg. Rosemarie Johns Tochter und Ingeburgs Sohn sind verheiratet. Die beiden älteren Damen haben gemeinsame Enkel. Im vergangenen Jahr sind sie fast zeitgleich in dasselbe Seniorenheim gezogen. Ingeburg ist noch besser zu Fuß, dafür spielt ihr Kopf aber nicht mehr so mit, wie er sollte.

Stadtführerin an Bord

Endlich sitzen alle dort, wo sie hingehören. Die Fahrt kann starten. Neben Rosemarie John wurde eine Dame platziert, die sehr schwer hört und deswegen nur bedingt als Gesprächspartnerin zur Verfügung steht. Sie lächelt stumm vor sich hin.

Rosemarie John stört das nicht. Sie will ja vor allem etwas sehen und freut sich über den Fensterplatz. „Ich bin ein paar Jahre nicht mehr Straßenbahn gefahren, deswegen genieße ich das“, sagt sie und schickt in der für sie typischen Art hinterher: „Da muss man als Landei erst ins Heim gehen, um mal rauszukommen.“

Auf geht’s in Richtung Innenstadt. Während sich die Straßenbahn in Bewegung setzt, greift Vanessa Schubert vorn neben dem Fahrer zum Mikrofon. Die 25-jährige Pflegekraft, die sonst in der Einrichtung den Heimfunk moderiert, ist heute so etwas wie die Stadtführerin. Sie erzählt vom Grünen Heinrich, der legendären Gaststätte in Gorbitz, die gerade abgerissen wird, und der früheren Pferdestraßenbahn auf der Löbtauer Straße.

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In der Innenstadt warten für Rosemarie John an jeder Ecke Erinnerungen – dabei hat sie nie hier gewohnt. „Früher sind wir oft am Neustädter Bahnhof aus der Bahn gestiegen und dann über die Brücke gerannt, weil wir meist spät dran waren.“ Im Kulturpalast und der Semperoper hatten sie über Jahrzehnte Anrechte. Praktischerweise habe in ihrer Handtasche oft ein Kleid aus chinesischer Taftseide gesteckt, das nicht knitterte und rasch auf der Toilette angezogen werden konnte. Auf dem Weg nach Hause musste sie dann unbedingt halb zwölf den letzten Zug erwischen, erinnert sie sich.

Im Alten Wettbüro auf der Antonstraße arbeitete einst der Bruder ihrer Großmutter als Buchmacher. Am ersten Hochhaus der DDR am Albertplatz vorbei fuhr sie in den 70er-Jahren oft zum Trainingszentrum für Stenografie gen Rosengarten. Am Schillerplatz befanden sich Fußpflege und Kosmetik. Der Bus fuhr direkt aus Leppersdorf bis vor die Tür.

Auch mit dem Blauen Wunder verbindet Rosemarie John ein besonderes Ereignis. Mit einem Kuhwagen lief sie 1945 zusammen mit ihrer Familie über die Brücke. „Schnell schnell, die wird gleich gesprengt“, riefen die Leute um sie herum. Dadurch sollten die heranrückenden russischen Soldaten aufgehalten werden. Glücklicherweise war der Sprengstoff aber offenbar doch schon entfernt worden.

Für einen Moment verharrt Rosemarie Wolf gedankenverloren in der Vergangenheit, doch schon kommen ihr neue Bilder vor Augen, zum Beispiel die von der Pioniereisenbahn im Großen Garten.

Kurz nach 11 Uhr biegt die Straßenbahn wieder in Gorbitz um die Ecke. Für einige Mitfahrer wird es höchste Zeit, Rosemarie John dagegen wäre auch noch ein halbes Stündchen weiter mitgefahren. So schnell wird sie nicht wieder auf Zeitreise gehen können.

In der Serie „Der letzte Umzug“ begleiten wir die 81-jährige Rosemarie John bei ihrem Einzug ins Seniorenheim. In der siebten und letzten Folge erinnert sie sich an ihre ersten Tage nach dem Umzug und zieht ein Resümee. Einziehen ist das eine. Ankommen etwas anderes.

Henry Berndt

SZ-Lebensbegleiter Tipp:

Ein Leben im Seniorenheim – Rosemarie John ist jetzt ein Teil dieses Mikrokosmos. In den kommenden Wochen wollen wir sie begleiten, ihre Ängste, Hoffnungen und Pläne kennenlernen, aber auch ihre Geschichte, die sie nach acht Jahrzehnten hierhergeführt hat, in das ASB-Seniorenheim „Am Gorbitzer Hang“.

Seien Sie neugierig auf die nächsten Geschichten, die wir fortlaufend an jedem Donnerstag veröffentlichen werden. Klicken Sie auf die Links der vergangenen Artikel der Serie, sollten Sie eine Geschichte von Rosemarie John verpasst haben!

Teil 1: „Rosemaries erster und letzter Umzug“

Teil 2: Leben im Pflegeheim: „Ich wollte immer in die Stadt“

Teil 3: Leben im Pflegeheim: „Zu Hause wäre ich nur eine Last

Teil 4: Leben im Pflegeheim: „Spagat wäre nicht zu stemmen“

Teil 5: „Der letzte Umzug ist ein großer Schritt“

Seien Sie gespannt auf den letzten Teil der Serie:

Teil 7: „Macht Euch um mich keine Sorgen“

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